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Best from Bern!

Ganz ehrlich, bei der Frage nach einer Stadt der Schweiz dachten wir bisher als erstes immer direkt an Zürich. Spontan sind wir jetzt endlich einmal nach Bern gefahren – und haben es alles andere als bereut. Highlight war unser Besuch in der Kunsthalle mit Werken vom jungen Künstler Denis Savary.

Best from Bern!

Die offiziell deutschsprachige, aber wie die gesamte Schweiz weltläufig trilingual daherkommende Universitäts- und UNESCO-Kulturerbe-Stadt mit Alpenpanorama und hufeisenförmiger, sich durch die pittoresk-bergdörflichen, bis herrschaftlich-mondänen Bauten schlängelnde Aare, raubte uns sofort den ganz zu Unrecht erwartungslosen – wirklich ahnungslosen – Atem.

 

Die Ausstellung Baltiques in der Kunsthalle Bern zeigt eine umfassende Werkschau des in seiner Arbeitsweise beeindruckend vielgestaltigen und zusätzlich beeindruckend jungen Schweizer Künstlers Denis Savary. Film, Skulptur, Zeichnung, Sound-, Licht- und Tanzinstallation, das sind die Medien, derer sich der 1981 in der Nähe von Lausanne geborene Denis Savary bedient. Er arbeitet gehäuft mit Fragmenten aus der Kunst- und Literaturgeschichte – zitiert bestehende Kunstwerke, wandelte diese ab, setzt sie in neue Zusammenhänge, aktualisiert historische Vorstellungswelten irgendwo zwischen Karikatur und Hommage. Bestimmte Szenarien und Motive erscheinen dabei immer wieder in Savarys Arbeiten: Geschichten des Begehrens, unerwiderte Liebe, erotische Sehnsucht, aber auch Häuslichkeit – und Enthauptung.

 

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In Alma (after Kokoschka, 2008) zum Beispiel reproduzierte Savary in vierfacher Ausführung und äußerst eigenwilliger Interpretation eine lebensgroße Puppe, die Oskar Kokoschka 1918 bei einem Puppenhersteller in München nach dem Vorbild von Alma Mahler anfertigen hat lassen. Damals war der todtraurige Maler und Schriftsteller der Wiener Moderne nämlich gerade frisch von Alma, der Witwe des Komponisten Gustav Mahlers – und Liebe seines Lebens – verlassen worden, weil dieser einfiel, dass sie doch lieber den Architekten und Bauhaus-Gründer Walter Gropius heiraten wollte. Kokoschka hatte vor sich mit der Puppe über den Verlust hinwegtrösten, und anscheinend „lebte“ (was auch immer das genau bedeuten soll) er tatsächlich über ein Jahr mit der Ersatz-Alma zusammen. Grotesk ist die Vorstellung, dass er die leblose Alma-Puppe sogar mit in die Öffentlichkeit nahm und auch seinen Freunden vorstellte. Armer Kokoschka. Es schockiert dann eigentlich auch nicht mehr, dass er seine neue, willenlose Alma irgendwann auf einer Party geköpft hat – zum Zeichen dafür, dass er seinen Liebeskummer überwunden habe.

 

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Denis Savarys Almas eröffnen die Ausstellung, die gerade in der Kunsthalle in Bern zu sehen ist. Die vier Objekte sind in der Eingangshalle versammelt, hängen dort sozusagen herum, sitzen zu zweit auf einem zum Museumsgebäude gehörenden Steinsarkophag, eine fletzt am Treppengelände, die vierte lehnt sich lasziv gegen eine Museumswand. Attraktiv sind sie dabei nicht unbedingt: helle, eisbärfarbene Ganzkörperbehaarung, zottelig-schütteres Haupthaar, blasse, runde Mondgesichter, denen die buschigen, dunklen Augenbrauen viel zu weit in der Stirn zu hängen scheinen. 

 

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Interessant ist, dass die einzelnen Kunstwerke von Savary schon hier zu interagieren beginnen, denn gegenüber der Puppen läuft die Videoinstallation Le Must (2004). Sie zeigt die Endlosschleife einer Nachtclub-Lightshow, menschenleer. Wieder verweist der Künstler hier auf das Motiv der Vergeblichkeit, des erfolglosen Bemühens, der Zurückweisung angebotener Liebe. Spannend wird das aber gerade dann, wenn dieses Motiv die Chance eine Aufhebung erfährt: Bezieht man die beiden Kunstwerke – die Installation der vier Almas im Raum und den Videoloop des verlassenen Nachtclubs – nämlich aufeinander, scheint es, als würden die Puppen diese Aufnahmen vielleicht sogar selbst wahrnehmen. Zwar mögen sie apathisch starren, aber vielleicht sind sie eben doch nicht unerreichbar. So erweitert Savary den Möglichkeitsraum, bricht seine eigene Motivik der Anschlusslosigkeit: Indem er seine Einzelwerke zusammenspielen lässt, ermöglicht er neue Kontexte und Bedeutungsebenen - und wird auf diese Weise zu einer Art Kurator seines eigenen Oeuvres.

 

Denis Savary – noch bis zum 09.12.2012 in der Kunsthalle in Bern

14 / 11 / 2012 // by Maike Mueller

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