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Verda Alatons Tohum

Mit dem Schmucklabel Tohum hat sich Verda Alaton einen Traum erfüllt. In ihrem Gallery Office in Istanbul erklärt sie, wie es dazu kam und verrät welche Lebensphilosophie sich hinter ihrem Design verbirgt.

Verda Alatons Tohum

Frau Alaton, beruflich gesehen stammen Sie eigentlich aus der Tourismusbranche. Wie sah Ihr Leben vor Tohum aus?
Ich hatte mir schon immer einen Beruf gewünscht, mit dem ich die Gelegenheit zum weltweiten Reisen haben würde. Deswegen entschied ich mich für den Tourismus. Ich bin nach Montreux gegangen, weil die Schweiz dafür eine sehr gute Adresse ist. Mein großes Glück war, dass ich dort sehr viele Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern kennenlernen konnte. Diese Internationalität macht einen natürlich offener und man fühlt sich inspiriert. Danach war ich für eine Zeit lang wieder in die Türkei zurückgekehrt, habe dort u.a. bei Turkish Airlines gearbeitet - wieder um die Möglichkeit zum Reisen zu haben. Daraufhin ging es mit der Green Card in die USA, wo ich in New York vier Jahre gelebt und an der NYU meinen Master in Organizational Development gemacht habe. Eines Tages passierte es: Auf dem Wege zur Uni stieß ich zufällig auf eine Galerie, die sich mit Tribal Arts beschäftigt, mit Schwerpunkt auf die afrikanischen Stämme. Ich war nur zehn Minuten drin, aber mein Herz schlug so heftig beim Anblick der Exponate, dass ich auf der Stelle nach einer freiwilligen Arbeit fragen musste, obwohl das alles mit meiner Arbeit nichts zu tun hatte. Ich war einfach von dem, was ich dort gesehen hatte so angetan, dass ich darüber mehr erfahren wollte. Mein einziger Wunsch war, alles über Tribal Arts zu erfahren.  

 

 

Was konkret haben Sie in dieser New Yorker Galerie gelernt?
Erst einmal ganz allgemein die Bedeutung der afrikanischen Stammeskünste. Das typischste an Tribal Arts ist die Tatsache, dass diese Kunstwerke immer einen Zweck erfüllen. Man benutzt immer das, was man direkt in der Natur vorfindet. Im Westen erfüllt die Kunst ja eine rein ästhetische Funktion, aber dort glaubt man, dass jedes Kunstwerk lebt. Es trägt Seele in sich, erfüllt aber auch einen Zweck, z.B. für eine Zeremonie oder es steht für den Respekt vor den Ahnen. Auf diese Weise ist jedes Objekt ein Instrument, ein Medium.  

 

 

Und worin genau besteht die seelische Komponente?
Man glaubt an die Unsterblichkeit der Seele. Z.B. werden Masken bei bestimmten Zeremonien als Mittel dazu verwendet, um in andere Sphären zu gelangen und mit den Seelen zu kommunizieren. Außerdem gibt es den Animismus, der zu Afrikas Wurzeln gehört. Für die Kultur dieses Kontinents sind Seele und Natur wichtige Glaubensaspekte, die allerdings seit dem Einzug des christlichen und muslimischen Glaubens immer mehr abgenommen haben. Was mich aber letzten Endes an dieser Kunst am meisten beeinflusst hat, sind ihre Formen, ästhetischen Eigenschaften und Materialien. Ich habe mich in die Stammeskünste einfach total verliebt und nachdem ich, aus New York zurück, wieder sechs Jahre in einem Unternehmen in der Türkei gearbeitet hatte, merkte ich nach und nach, dass ich mich innerlich geradezu verzehrte und ich wusste: Das bin nicht ich, ich muss mich bewegen, ich muss reisen. Viele Jahre lang hatte ich von meinem Einkommen Erspartes für Reisen nach Asien und Afrika ausgegeben. Ich war immer dorthin gereist, wo alles natürlich geblieben ist und wo es noch primitive Kulturen gibt, um zu erfahren, wie diese Menschen leben und auch wie sie sich schmücken. Besonders fasziniert war ich von Body Adornment. 

 

 

In welchen Ländern haben Sie diesen Körperschmuck kennengelernt?
In Äthiopien, genauer gesagt Südäthiopien. Ich habe beobachtet, wie die Frauen unendlich viel Inspiration aus der Natur oder aus der Umgebung bekommen. Zum Beispiel werden Coca-Cola Deckel als Haarschmuck verwertet - primitiv und kreativ zugleich. All diese Beobachtungen haben sich mit der Zeit so stark angesammelt, dass ich sie rauslassen wollte. Ich habe meine bisherige Arbeit gekündigt und mir gesagt: Ich werde mein Glück versuchen! Ich wusste nur, ich möchte etwas mit Design machen und nun mache ich das schon seit fünf Jahren.

 

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Omo Valley, Dassanech Tribe, Ethiopia 

 

 

Wie sind Sie auf den Namen Ihres Labels “Tohum” verfallen? Übersetzt bedeutet er ja “Samen” und die haben, wie wir wissen die biologische Funktion sich zu verbreiten...
Ja, Tohum hat eine symbolische Bedeutung: Samen verbreiten sich und gehen schließlich irgendwo auf. Hinter dem Namen Tohum steckt aber auch ein Konzept. Tohum ist im Ausdruck sehr schlicht und soll erschwinglich sein, so dass sich das eine ganz normale Städterin leisten kann, denn Tohum verstehe ich als eine schöne Gelegenheit, um mit der Natur in Berührung zu kommen und ich wünsche mir, wie Sie es gerade ausgedrückt haben, dass die Tohums sich wie wirkliche Samen verbreiten, damit die Menschen sich mit der Natur verbunden fühlen. Die Natur auf seinem Körper zu tragen ist ein wunderbares Gefühl!   

 

 

Eine besondere Eigenart bei Tohum besteht darin, dass Sie, abgesehen von den Metallen, sämtliche Materialien von Ihren Reisen mitbringen. Warum ist das so und wie muss man sich das vorstellen?
In meiner New Yorker Phase habe ich auch kunstübergreifende und ganz praktische Dinge gelernt, so u.a. auch wo man in Afrika welche  Materialien vorfindet. Ich weiß z.B. wo ich spezielle Glasperlen finde, auf welchen Märkten, bei welchen Personen und mit denen setze ich mich dann hin und suche sie mir Stück für Stück aus. Das mache ich bei wirklich allen Materialien auf diese Weise. Manchmal finde ich auf den Märkten aber auch ganz überraschende Dinge, wie etwa zu Perlen verarbeitete Knochenstücke. (siehe Foto) Diese habe ich zum Beispiel in Kamerun gefunden. Ich hatte nichts dergleichen erwartet, aber als ich sie sah  ... für jemandem mit meiner Leidenschaft ist es unmöglich, ein solches Objekt nicht zu kaufen. Wenn man sich vorstellt, die Menschen haben diese Knochen nicht weggeschmissen, sondern bearbeitet, um sie weiterverwerten zu können ... So gesehen ist Schmuck bei den Afrikanern eine Art von Recycling. Und mir gefällt es, diese Art des Schmucks in eine moderne Form zu bringen.

 

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Materials, Worked Bones from Africa 

 

 

Und die Steine, bringen Sie die auch aus Afrika mit?
Für die Steine verreise ich manchmal auch in ganz andere Länder, z.B. nach Europa. Aber auch hier gilt: Ich reise direkt zu meinen Materialien und wähle sie Stück für Stück aus. Ich bestelle nie etwas, denn ich muss die Steine sehen und anfassen. Erst wenn ein Stein mir ein gutes Gefühl gibt, und das ist nicht unbedingt von seinem Aussehen abhängig, wähle ich ihn aus. 

 

 

Also bestellen Sie Ihre Materialien nie von irgendwelchen Firmen?
Ich weiß, gewöhnlich telefoniert man oder macht das über Internet. Aber bei mir gibt es das nicht. 

 

 

Was ist mit der Aufbewahrung? Haben Sie hier in Istanbul ein Depot für all Ihre Materialien die Sie aus fremden Ländern mitbringen und bearbeiten Sie die mitgebrachten Stücke eigentlich sofort?
Manche warten auf ihre Bearbeitung jahrelang, das weiß ich vorher nie. Alle Steine, die ich über viele Jahre hinweg gesammelt habe, befinden sich in einer Holzschatulle und auch all die anderen Materialien, die ich verwende, sind alle hier in diesem Raum ... alles hat sich auf dieselbe Weise, Stück für Stück mit jeder Reise angesammelt, die Masken, die  Skulpturen, Schemel und Kopfstützen.

 

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Materials, Stones

 

 

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Office Gallery, Headrests

 

 

Morgen geht es weiter mit der Geschichte von Verda Alaton und der Entstehung ihres Schmucklabels Tohum. Bis dahin könnt ihr euch hier online durch ihre einzigartigen Schmuckstücke klicken. Viel Spaß dabei und bis morgen.

 

 

Credit: all photographs belong to Verda Alaton Archiv // Übersetzt aus dem Türkischen von Özlem Özdemir

 

- By Özlem Özdemir

16 / 05 / 2014 // by LigaStudios Team

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