Cindy Sherman und die Fotografische Selbstvermessung
Dass Selbstdarstellung und Selbstauslotung immer schon den Kern Cindy Sherman's Arbeit ausmachten, zeigt uns jetzt ein längst überfälliger Bildband über ihr nur wenig bekanntes Frühwerk.
Durch Schminke und Verkleidung in andere Rollen schlüpfen und sich dann so auch noch perfekt inszeniert selbst fotografieren – was klingt wie ein narzistischer Kleinmädchentraum ist das Grundrezept einer der erfolgreichsten Künstlerinnen unserer Zeit. Perücken, Masken, Brillen, Make-up und Kostüme und – wahrscheinlich am wichtigsten – ein unverbesserlicher Wille zur Selbstverwandlung, das sind die Hilfsmittel mit denen Cindy Sherman ihre sie selbst umkreisenden Identitätswelten schafft. Dass sie dabei immer nur mit ihrem eigenen Gesicht und ihrem eigenen Körper arbeitet, ist in den meisten ihrer Portraits (die Studien unterschiedlichster gesellschaftlicher Typen zu sein scheinen) kaum mehr ersichtlich.
Denn hierbei modifiziert Cindy Sherman ihre Erscheinung nicht nur innerhalb des Bereichs semiotischer Identität (den wir alle mehr oder weniger bewusst gestalten (müssen) und durch den wir uns innerhalb bestimmter Schichten, Gruppen, Werte- und Lebenskonzepten verorten und verorten lassen), sondern sie sprengt auch die Grenzen einer sonst als unbeeinflussbar erlebten, biologischen Identität. Mithilfe zu Perfektion ausgewachsener, oft beinahe monströser Kostümierung und fotografischer Virtuosität schafft sie es im unkünstlerischen Leben als unverrückbare und schicksalsbestimmende Identitätsmarke wie Hautfarbe und Geschlecht nach eigenem Willen zu verschieben.
Der nun bei Hatje Cantz erschienene Catalogue Raisonné gewährt Einblicke in allererste Werkszyklen ihrer studentischen Jahre (1975-1977) in Buffalo, und betont mittelbar so die (bis zum heutigen Tag) außergewöhnliche konzeptionelle Stringenz des Œuvres der 1954 in Glen Ridge (New Jersey) geborenen Künstlerin. Auch damals nämlich schon beschäftigte sie sich mit der Frage nach gesellschaftlicher (Selbst-)Verortung – und indem sie uns vom Cover-Model bis hin zum männlichen und leicht untersetzten Busfahrer, von schrullig mittelalter Sekretärin, bis hin zur jugendlich aufreizenden Blondine, vom coolen schwarzen Hip-Hop-Kid, bis hin zur verbittert resignierten alten Dame als ein Sammelsurium an verfügbaren Identitäten begegnet, konfrontiert sie uns vielleicht nicht zuletzt auch auf auffordernde Weise mit einem unerschöpflichen Potenzial möglicher Selbstentwürfe.
(Cindy Sherman in ihrem Atelier)
Fotocredits: Maike Müller - Auszüge aus: Das Frühwerk 1975-1977, Catalogue Raisonné bei Hatje Cantz erschienen
10 / 07 / 2012 // von Maike Mueller
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