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Versteckspiel auf der Bühne

In unserer täglichen Arbeit fällt uns immer wieder auf, dass sich in letzter Zeit immer mehr Musiker hinter Masken verstecken. Was ist wohl der Grund dafür? Hier versuchen wir ein paar Antworten zu geben und präsentieren die momentan angenagtesten masked artists.

Versteckspiel auf der Bühne

"Nur Atavismen wie das Urheberrecht […] zwingen noch zur Namensnennung von Textern und Komponisten" schrieb Friedrich Kittler in seinem Aufsatz "Der Gott der Ohren". Das war 1993, zu einer Zeit, als Musiker sich nach Funktionen ihrer Synthesizer (LFO) oder den Bezeichnungen ihrer Drummachines (808 State) benannten, als sie sich hinter Symbolen (Plastikman) oder Atemschutzmasken (Altern-8) versteckten. Ihr Ziel war es, die elektronisch erstellte Musik für sich selbst sprechen zu lassen, und ihre an Menschen gebundene Herstellung möglichst auszublenden. Es sollte Maschinenmusik im reinsten Sinne entstehen, getreu der Tradition, die Kraftwerk und ihre Roboterperformances etablierten.

 

Doch die Idee, sich hinter Masken zu verstecken, hat in der Musik und vor allem auf der Bühne eine weit aus längere Tradition. Die Maske des antiken griechischen Theaters, die Persona, diente zum Einen als Schalltrichter zur Verstärkung der Schauspielerstimme, zum Anderen aber auch zur Verstärkung der Gefühle und Eigenschaften der einzelnen Figuren. Dieses Prinzip vonTheatralität und Verstärkung haben in der Musik hauptsächlich Rock und Heavy-Metal Bands aufgegriffen. Von KISS über The Locust, GWAR oder Slipknot bis zu den Eurovision Songcontest Gewinnern Lordi sollen die Masken das monströse dieser Musik betonen. Und auch im Hip-Hop möchte sich ein Musiker wie MF-Doom nicht hinter einer Maske verstecken, sondern tatsächlich eine Geschichte erzählen.

 

Für die aktuellen maskierten Künstler ist die Absicht aber eine andere, mit der von Techno durchaus verwandte – auch deswegen dominieren Masken momentan die elektronische Musik, von Electro-Pop bis Dubstep:

 

Die beiden Italiener  We Love , deren aktuelle EP "Timeless" vor kurzem auf BPitch veröffentlicht worden ist, bezeichnen sich selbst als "Soldiers of Love". Ihre Kostüme sind inspiriert von Ritterrüstungen, inklusive abstrahierter Visierhelme, während die Liebe sich in den Vocals versteckt. Den Rahmen bildet unterkühlter, an New-Wave geschulter Electro-Pop, der mit ausreichend Groove aufwartet, um tanzbar zu sein.

 

We_Love_Masked_01

Das italienische Duo We Love

 

Noch tanzbarer ist die kommende EP "On da Floor" von Redshape, der sich seit jeher hinter einer schlichten, roten Maskeversteckt. Sein Techno-Entwurf ist noch am ehesten in der Tradition der 1990er Jahre zu sehen, nicht nur des Sounds, sondern eben auch des Versteckspiels wegen. Mit der Anfang Dezember erscheinenden EP setzt er seine Reise durch Detroit-Techno und House fort und begeistert mit einem dichten und stimmungsvollen Sound.

 

RedShape_02

© Redshape, by Ragner Schmuck

 

 Der Brite SBTRKT schließlich versteckt sich hinter einer an afrikanische Rituale angelehnten Maske, die uns daran erinnert, dass elektronische Tanzmusik nicht nur aus Maschinen kommt, sondern auch in einer langen Tradition zeremonieller Tänze verwurzelt ist. SBTRKTs selbstbetiteltes Album öffnet so auch das Genre Dubstep hin zu einem organischen, abwechslungsreich groovenden Sound.

 

Diese Liste ließe sich mit Peter Lichts aktuellem Album "Das Ende der Beschwerde" fortsetzen, mit dem der Höhepunkt dieser zweiten Verwendung von Masken erreicht wäre - die Unsichtbarkeit. Mit der Auflösung der Privatsphäre durch technische Errungenschaften wie Videoüberwachung oder Social Media ist es für Künstler wie die erwähnten oder auch The Knife, Deadmau5 oder Zomby, um so wichtiger, in der Öffentlichkeit zu stehen und sich gleichzeitig von ihr zu distanzieren.

 

Wenn die Privatheit von überall her bedroht wird, so muss man dieser Bedrohung eine Grenze setzen, die mit der Maske direkt am eigenen Körper liegt. Die Maske ist in diesem Sinne ein Inter-Face, das zwischen den Musik produzierenden Menschen und den diese Musik aufführenden Künstler geschaltet wird. Sie erlaubt es, die Verfügungsgewalt über die eigene Privatsphäre zu behalten und sich den gegenwärtigen Auflösungsprozessen entgegen zu stellen. Andererseits sorgt sie, paradoxer Weise, dafür, dass dem Künstler mehr Aufmerksamkeit zugeteilit wird – Wer steckt hinter der Maske, und warum versteckt er sich? Aufmerksamkeit aber auch in dem Sinne, dass die Maske immer interessanter aussieht als die Gesichter der anderen Musiker: sie ist ein Fashionelement, mit eigenem Gestaltungsspielraum, wie die Kleidung auch. Mit diesem Spiel von Aufmerksamkeit und Privatheit passt die Maske also perfekt in unsere Zeit.

 

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31 / 01 / 2012 // von Robin Hofmann

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Gattò

17 / 06 / 2013

Gattò

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