Weekender: Artists to Watch!
Heute geht es weiter mit unseren Highlights der Documenta! Diesmal besonders zu empfehlen: Sam Durant in der Karlsaue, Cevdet Erek im Obergeschoß des C&A, Sonja Iveković in der Neuen Galerie und Clemens Wedemeyer im Hauptbahnhof!
Von weitem sieht es aus wie ein Ufo. Oder ein sehr komplexer Spielplatz. Beim Näherkommen, und vor allem beim Besteigen dieser Konstruktion inmitten der Karlsaue macht sich schließlich ein mulmiges Gefühl breit: Die vielen Bauelemente erinnern an eine klassische Galgenkonstruktion. Und tatsächlich: Sam Durants Arbeit Scaffold besteht aus Nachbildungen historisch bedeutender Galgen. Darunter beispielsweise der von Saddam Hussein oder der von den 1886 zum Tode verurteilten Protestanten der sogenannten “Haymarket-Square-Affäre” in Chicago, denen man die Tat, für die sie gehängt wurden, nie beweisen konnte. Der Besucher wird mit einer noch immer existierenden Praxis des Strafvollzugs konfrontiert und dieser Realität durch das Besteigen der Konstruktion bedrohlich nahe gebracht. Was am Anfang spielerisch und abenteuerlich anmutet, wendet sich mit einem Mal in ein schaurig-bizarres Erlebnis.
PhotoCredit: Nils Klinger
PhotoCredit Headerbild: Nils Klinger
In einem der unscheinbaren Offspaces hat der türkische Künstler Cevdet Erek eine beeindruckende Rauminstallation erschaffen, die man auf jeden Fall gesehen haben muss. Im obersten Stockwerk des C&A , direkt gegenüber dem Friedrichsplatz, erwartet man normalerweise keine Kunst. Doch wenn man durch den Gang nach der Kinderabteilung geht, ist es, als betrete man eine neue Welt. Eine riesige Lagerhalle mit rohen Betonwänden erstreckt sich vor dem Besucher. Fast leer, nur einige wenige weiße Wände sind auf den ersten Blick eingezogen worden. Beim Schreiten durch die Installation begegnet man immer wieder sehr technoiden Beats, die aus verschiedenen Boxen im Raum kommen. Die Töne verändern sich immer wieder, und wirken – je nach dem, wo man sich im Raum befindet – anders. Nicht nur mit Wänden, auch durch akkurat geraffte, weiße Vorhänge wurde ein größerer Innenraum geschaffen, in dem der Sound je nach Position mal sehr klar oder sehr dumpf klingt. Die scheinbar kleinen Eingriffe habe eine große Wirkung – selten kann man den Raum durch eine Installation so stark wahrnehmen und auch fühlen. Der Besucher wird angeregt die Halle zu erkunden, an Orte zurückzukehren oder an anderen Stellen zu verharren.
PhotoCredit: Nils Klinger
In der Neuen Galerie trifft man im rechten Flügel auf einen mittelgroßen Leuchtkasten, der eine Fotografie zeigt, die im April 1933 in der Hessischen Volkswacht veröffentlicht wurde. Die Künstlerin, Sanja Iveković , fand das Foto im Archiv des ehemaligen Konzentrationslagers Breitenau. In der Mitte des Bildes ist ein Esel zu sehen, der mit einem Stacheldraht auf dem Kasseler Opernplatz eingezäunt wurde. Das Gehege ist von einer schaulustigen Menschenmenge umgeben, ein Nazi-Offizier versucht das Tier zu locken. Der Esel indes, steht mit gesenktem Kopf in der Mitte und macht keinen Schritt. Das symbolische “Konzentrationslager für widerspenstige Staatsbürger” wurde an diesem prominenten Platz als Warnung errichtet, nicht bei Juden einzukaufen. Es ist eine bedrückende Fotografie, die eine eindeutige Sprache spricht: Der Esel, als dumm und stur verhöhnt, wird zum Symbol des eisernen Widerständler.
PhotoCredit: Anders Sune Berg
PhotoCredit: Anders Sune Berg
Dreht sich der Besucher dann um, fällt der Blick auf eine Glasvitrine, die mit 52 Plüscheseln gefüllt ist. Kleinere, größere, neuere, ältere Esel. Vor den Stofftieren wurden kleine Namensschilder aufgestellt. Darunter die Namen von Hans und Sophie Scholl, Martin Luther King oder Rosa Luxemburg: Alles Revolutionäre und Widerstandskämpfer, die sich kompromisslos gegen eine vorherrschende Macht stellten. Auch der Bezug zu aktuellen politischen Entwicklungen wird hergestellt, indem zum Beispiel der Name von Ahmed Basiony auftaucht, der 2011 als Protestant im Arabischen Frühling umkam. Die Sturheit des Esels, wie sie in der NS-Zeit propagandistisch zur Diskriminierung missbraucht wurde, besetzt Ivekovic mit den ruhmvollen Persönlichkeiten des Widerstands.
Auch der deutsche Künstler Clemens von Wedemeyer ist bei seiner Arbeit im Nordflügel des Kulturbahnhofs auf die teilweise kritische Geschichte von Kassel eingegangen: In drei verschiedenen Filmen, die auf großen Leinwänden parallel laufen, zeigt von Wedemeyer die drei so unterschiedlichen Funktionen, die das etwas außerhalb von Kassel gelegene Kloster Breitenau in den letzten 150 Jahren erfüllte. Während der NS-Zeit wurde das Kloster zu einem KZ umfunktioniert, das 1945 in der „Schlacht um Kassel” von den Amerikanern aufgelöst wurde. Seit 1952 war es ein Mädchenerziehungsheim, über das Ulrike Meinhof den Film „Bambule” drehte, um auf die rückschrittlichen und gefängnisähnlichen Bedingungen aufmerksam zu machen. Daraufhin wurde das Heim 1973 geschlossen und wenig später zu einer offenen psychiatrischen Einrichtung, die noch heute existiert. 1984 errichtete man zusätzlich die Gedenkstätte Breitenau, die eine Klasse mit ihrem Lehrer im dritten Film besichtigen. Die drei Ebenen – das KZ, das Mädchenerziehungsheim und die Gedenkstätte – überschneiden sich in den Filmen immer wieder, zeigen so die Komplexität des Gegenstands und versuchen die wechselhafte Geschichte des Klosters greifbarer zu machen.
PhotoCredit: Henrik Stromberg
dOCUMENTA (13)
in Kassel
noch bis zum 16. September 2012
täglich 10–20 Uhr
http://d13.documenta.de
C&A
Obere Königsstraße 35
34117 Kassel
Karlsaue
Stadtpark Kassel
Neue Galerie
Schöne Aussicht 1
34117 Kassel
Hauptbahnhof
34117 Kassel
26 / 08 / 2012 // von Dana Weschke
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Alonya sagt
14. September 2012 um 22:09
Aua aua, die Künstlerin aus Kroatien heißt S.a.nja Iveković..